. Dämlicher Titel, aber mit « girl crush »-Garantie

Wer hätte gedacht, dass eine TV-Serie über dänische Politik so spannend sein kann: Nach dem Erfolg von "The Killing" zeigt Arte "Gefährliche Seilschaften".

Im Original heißt die Serie einfach "Borgen", so nennen die Dänen ihren Kopenhagener Regierungssitz Schloss Christiansborg. Aber ignorieren wir einfach den dämlichen deutschen Titel. Und hören auf die Musik, mit der "Borgen" beginnt. Eine simple, ruhige Melodie ist das, ein bisschen traurig ist sie.

1 von 7
zurück blättern
weiter blättern

"Gefährliche Seilschaften" – Politik als TV-Drama

borgen

Foto: ARTE F / © Mike Kollöffel/DR Herausragende dänische Polit-Serie bei Arte: Sidse Babett Knudsen als Shootingstar der dänischen Politik Birgitte Nyborg Christensen.

Als würde jemand leise seufzen. Als säße da ein alter Hase am Klavier, einer, der den Politikbetrieb gut kennt, so gut, dass er melancholisch klimpernd die eigene Müdigkeit beklagt. Die Intrigen der Politiker, die Gier der Medien, die Schwäche der Menschen.

Aber es ist eine schöne Melodie, keine, die von Resignation zeugt, eher von der Sorge, wie die wenigen Aufrechten in diesem Sumpf ihre Haltung bewahren sollen. Und schon haben ein paar Takte Musik die Atmosphäre für zehn Stunden erstklassiges Fernsehen geschaffen.

"Borgen" erzählt die Geschichte von Birgitte Nyborg, die – im Rahmen der Fernsehwirklichkeit – Dänemarks erste Premierministerin wird. Und was ist das wieder für eine Frauenfigur, die der produzierende DR, Dänemarks öffentlich-rechtlicher Rundfunk, da präsentiert!

Eine Lichtgestalt, die das Leben fürs Fernsehen schrieb

Wie schon bei dem DR-Straßenfeger "The Killing" und seiner Kommissarin Lund ist Birgitte Nyborg eine dieser Lichtgestalten, die das Leben fürs Fernsehen schrieb. Eben nicht mitten aus dem Leben gegriffen, aber das Leben wäre ein besseres, gäbe es mehr von ihnen.

Der Zehnteiler setzt kurz vor den dänischen Parlamentswahlen ein. Dummerweise hat der amtierende Premier von den Liberalen eine alkoholkranke Ehefrau, die ihn in eine missliche Lage bringt. Noch dümmer verhält sich allerdings der Chef der Arbeiterpartei, als er diesen Skandal in der letzten Fernsehdebatte vor der Wahl öffentlich und sich bei den Wählern unbeliebt macht.
Video
Denmark general elections

weiter blättern

September 2011: "Roter Block" gewinnt Parlamentswahl

Lachende Dritte ist Birgitte Nyborg, Vorsitzende der Partei der politisch gemäßigten "Moderaten". Eine Idealistin, die mit dem Rad zur Arbeit fährt, weil sie mit dem Rad zur Arbeit fährt und nicht, weil es sich auf Fotos so gut macht.

Und die während des TV-Duells die vorbereitete Rede ihres machtbewussten Spin Doctors über den Haufen wirft und den Zuschauern stattdessen erklärt, dass sie ihr dem Anlass völlig unangebrachtes Kleid nur trage, weil sie im Wahlkampf für alles andere zu dick geworden sei.

Und dass sie sich so auch ein neues Dänemark vorstelle: Ehrlicher, menschlicher. Das kommt an im Land – aber als Nyborg als Siegerin aus den Wahlen hervorgeht, ist niemand davon überraschter als die 40-Jährige selbst.

Knudsen dürfte enormen "girl crush" bei Zuschauerinnen auslösen

Im Amerikanischen gibt es den schönen Ausdruck "man crush". Damit bezeichnen heterosexuelle Männer eine Schwärmerei für einen anderen Mann – einen Typ, den sie toll finden, mit dem sie furchtbar gern (mehr) Zeit verbringen würden, aber nicht ins Bett gehen wollen (letzteres ist besagten heterosexuellen Männern natürlich immens wichtig zu betonen).

Einen man crush kann Mann für einen Arbeitskollegen ebenso hegen wie für George Clooney. Ein garantiert nicht unbeträchtlicher Teil des Erfolges nun, den "Borgen" hatte und haben wird, liegt garantiert an dem immensen girl crush, den Sidse Babett Knudsen als Birgitte Nyborg bei den Zuschauerinnen auslösen dürfte.
Video
Clooney attends the premiere of "The Ides of March" at the Samuel Goldwyn theatre in Beverly Hills

weiter blättern

Clooneys neuer Film "The Ides of March"

Ihre Birgitte Nyborg hat genauso viel Spaß an dem Job wie Angst vor ihm. Sie ist unabhängig und sie liebt ihre Familie. Ihre Unsicherheit kann sie ungefähr so gut verstecken wie ein Teenager seine Verliebtheit, aber wenn sie von etwas überzeugt ist, ist sie stur wie eine Verliebte in der Pubertät. Und wenn sie lächelt, fühlt sich das an wie die erste Liebe. So wünscht eine Frau sich nicht nur ihr Regierungsoberhaupt, ihre beste Freundin und ihre Friseurin – so wäre sie selbst ganz gern.

Trotzdem könnte man natürlich fragen: Warum in aller Welt sollte uns Dänemarks Regierung interessieren? Weil die Autorenriege von "Borgen" es geschafft hat, aus so etwas drögem wie einem Regierungsviertel so etwas Lebendiges wie ein Szeneviertel zu machen. Weil man wissen will, ob Birgittes smarter, cooler und humorvoller Ehemann Phillip weiterhin so ein Traum von einem Mann bleibt.

Oder wie die ehrgeizige Reporterin Katrine Fonsmark damit fertig wird, dass der engste – und verheiratete – Berater des früheren Premierministers neben ihr im Bett einem Herzanfall erlag. Oder was aus dem hochtalentierten Spin Doctor Kasper Juul wird, den Birgitte entlässt, weil er ihr zu wenig Skrupel besitzt.

"Diese naive Idee einer vom Volk regierten Nation!"

Und dann ist da Birgittes Widerpart, der aalglatte Chef der Arbeiterpartei, Michael Laugesen. Der kann die die alten Kampflieder seiner Genossen kaum ertragen, liebt Champagner und Zigaretten, pinkelt gegen das Parlamentsgebäude und hält ganz wunderbare Monologe: "Diese naive Idee einer vom Volk regierten Nation! Einen Dreck regiert das Volk! Ein winziger privilegierter Zirkel von Leuten regiert Dänemark. Aus der Wirtschaft, den Medien und der Politik. Und solange ich dazugehöre, können sie es nennen, wie sie wollen."

Und das sind nur ein paar Beispiele der ersten Folgen. "Borgen" ist voll mit interessanten Nebenfiguren, und jede einzelne ist exzellent besetzt.

Der amerikanische Fernsehsender NBC, der bereits eine US-Version von "The Killing" produzierte, hat auch von "Borgen" ein Remake in Auftrag gegeben und hofft darauf, nicht nur den Erfolg von "The Killing" zu wiederholen, sondern auch einen Nachfolger für seinen Hit "The West Wing" zu kreieren.

Mit der Serie rund um den (Arbeits-)Alltag des fiktiven amerikanischen Präsidenten Jed Bartlet wird "Borgen" gern verglichen, besonders in England, wo es – wiederum wie "The Killing" – ebenfalls die Massen vor den Fernseher lockte. Aber anders als "The West Wing" geht es in "Borgen" um ein Staatsoberhaupt, das sich in seine Rolle erst noch hineinfinden muss. Und um die Konsequenzen dieses Prozesses.

Politik- und Rollenverständnisse kämpfen gegeneinander

Birgitte Nyborg formt das Amt ebenso, wie die neue Rolle sie verändert. Und nicht nur sie: Natürlich hat es auch Auswirkungen auf die Familie, wenn Mutti nicht mehr nur eine engagierte Politikerin ist, sondern eine engagierte Politikerin mit Macht. Und Auswirkungen auf ihre Freunde und Berater. In "Borgen" kämpfen Politik- und Rollenverständnisse gegeneinander, neue Generationen gegen alte Profis, Alltagsprobleme gegen die großen Fragen.

Denn letztendlich fragt "Borgen" nach dem Wesen der Demokratie. Und da ist das kleine, übersichtliche, uns so fremde und doch recht nahe Dänemark das Pfund, mit dem sich wuchern lässt – ein bisschen so, als würde man Shakespeares Dramen mit Playmobil-Figuren nachstellen: Vereinfacht, sicher, aber dafür verständlich, nachvollziehbar und unterhaltsam.

Wir werden sehen, wie viel von Birgitte Nyborg erhalten bleibt in Premierministerin Nyborg. Aber als sie Premier wird, zum Ende der zweiten Folge, möchte man die Ärmel hochkrempeln und selbst für ein politisches Amt kandidieren. Wenn das keine Sternstunde des Fernsehens als moralische Anstalt ist.

„Gefährliche Seilschaften“, Arte, ab 9.2, 20.15 Uhr.